Aachen war nicht nur die erste befreite deutsche Großstadt im Zweiten Weltkrieg. Aachen sollte zu einem Experiment werden – und wie jedes Experiment konnte es scheitern.
Als am 21. Oktober 1944 die letzten deutschen Soldaten in Aachen kapitulierten, war von der Stadt kaum noch etwas übriggeblieben: Von einst über 160.000 Einwohnern waren gerade noch 6.000 in Aachen, die Infrastruktur war zerstört und sämtliche Gebäude lagen in Schutt und Asche. Für die siegreichen Alliierten stellten sich derweil Fragen, für die es noch keine erprobten Antworten gab: Wie konnte im zerstörten Deutschland nach der bald zwölfjährigen NS-Diktatur ein Wiederaufbau und die Etablierung demokratischer Strukturen gelingen? Vor diesem Hintergrund wurde Aachen zum Experimentierfeld: Die Amerikaner erprobten hier, wie die deutsche Bevölkerung auf die Befreiung und Besatzung reagierte und inwiefern sich ihre Ziele der Entnazifizierung und Demokratisierung in der Praxis umzusetzen ließen. Schon bald übertrugen sie die Zivilverwaltung an unbescholtene Deutsche, die Selbstverwaltung und Wiederaufbau organisieren sollten.
In diesem Kontext trat der Jurist Franz Oppenhoff hervor, der als Gegner des nationalsozialistischen Regimes galt. Auf Vorschlag des damaligen Aachener Bischofs ernannten ihn die Amerikaner noch im Oktober 1944 zum neuen Bürgermeister der Stadt. Oppenhoff entstammte einer konservativen Juristenwelt, die mit Weimar wenig anfangen konnte. Kein lupenreiner Demokrat, aber ein Mann mit Rückgrat. Dafür musste er mit seinem Leben bezahlen. Die nationalsozialistische Führung reagierte auf seine Zusammenarbeit mit dem „Feind“ mit einem Mordauftrag. Ein sogenanntes Werwolf-Kommando, bestehend aus fanatisierten Jugendlichen der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel, erschoss Oppenhoff am 25. März 1945 in seinem Haus in der Eupener Straße. Kaum älter als siebzehn Jahre, und doch zu Mördern gemacht von einem Regime, das längst verloren hatte. Dieselben „Werwölfe“ hatten fünf Tage zuvor an der belgisch-niederländischen Grenze den niederländischen Grenzbeamten Jos Saive getötet. Eine Tat, die bis heute oft im Schatten des Oppenhoff-Mordes steht und nach 1945 nie juristisch aufgearbeitet wurde.
Mehr als 80 Jahre später beginnt das Wissen um das Aachener Experiment zu verblassen. Derweil verlieren auch die nationalsozialistische Vergangenheit und die Ursprünge unseres demokratischen Zusammenlebens insgesamt an Kontur, selbst im lokalen Gedächtnis. Viele Aachenerinnen und Aachener verbinden den Namen Oppenhoff heute nur noch mit dem Namen einer großen Allee der Stadt. Insbesondere Schülerinnen und Schülern fehlt in ihrem Geschichtsbewusstsein ein direkter Bezug, wie der Autor und Zeichner Henry Kreklow während Vorträgen an Aachener Schulen feststellen musste. Dem begegnet Kreklow mit seiner Graphic Novel: Auf 168 Seiten erzählt sie die Geschichte des Aachener Demokratielabors und der Ermordung Oppenhoffs in Anlehnung an die historischen Geschehnisse. Lebendig, zugespitzt und stellenweise bewusst überzeichnet. Gerade darin liegt ihre Stärke: Die Abweichung von historischen Details ist kein Mangel, sondern eröffnet Zugänge. Sie macht Geschichte anschaulich und konfliktgeladen und sie lädt dazu ein, historische Erzählungen und ihre Konstruktion selbst zu hinterfragen. Das Medium Comic wird so auch zum Ausgangspunkt für Medienkompetenz: In Zeiten von Deepfakes und gezielter Desinformation ist die Fähigkeit zur kritischen Einordnung wichtiger denn je.
Der Band nutzt damit ein bislang selten eingesetztes Medium, um die Erinnerung junger Menschen an die nationalsozialistische Vergangenheit und den Wiederaufbau des demokratischen Zusammenlebens zu schärfen. Und das in einer Zeit, in der die Erinnerungskultur von zwei Seiten unter Druck gerät: Auf der einen Seite hat sich das Gedenken in ritualisierten Formen institutionalisiert, die zwar wichtig sind, aber zunehmend ihren irritierenden, aufwühlenden Charakter verlieren. Auf der anderen Seite arbeiten rechtspopulistische Kräfte systematisch daran, historische Deutungen zu verschieben und Relativierungen zu normalisieren. Kreklows Comic setzt dem etwas entgegen – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Witz, Ironie und einem ehrlichen Blick auf eine Geschichte, die nach seiner Zeichnung unbequem bleibt. Mehr als 80 Jahre nach Kriegsende gilt es, wieder neu an unserer wehrhaften Demokratie zu arbeiten. Dieser Comic ist eine Einladung dazu – und er verdient viele Leserinnen und Leser.
Sandra Dresia,
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit (19-21. Jh.)
der RWTH Aachen
Publikation zum Thema:
„Geraubtes Eigentum.
Die Entziehung von Grundstücken und Immobilien
in Aachen 1933-1944”
